GRENACHER
 

(Publiziert am 18. Mai 2024 in der alle zwei Wochen erscheinenden Print-Kolumne GRENACHER)

Liebe Désireée Stutz

In Zeiten wie diesen, wo unsereiner immer etwas mehr den Glauben an die Politik und deren Personal verliert, ausgerechnet jetzt trampen sie sowas von voll und tüchtig in den Fettnapf!

Ihre Partei hat eine andere Frau als Kandidatin für die Nachfolge von Alex Hürzeler im Aargauer Regierungsrat auf den Schild gehoben. Die Aarburger Gemeinderätin und Nationalrätin Martina Bircher soll den Magistraten aus Oeschgen beerben. Sie bekamen117 Stimmen, für Bircher votierten 158 Delegierte.

Weiss der Deibel, welcher Teufel Sie geritten hat, nachdem Sie, was ja zum Geschäft der Politik gehört, unterlegen sind.
In der «Neuen Fricktaler Zeitung» liessen Sie gehörig Dampf ab: Das Wahlverfahren sei unprofessionell gewesen, ihre Unterstützer mundot gemacht worden und sie hätten auch nicht die volle Unterstützung vor allem des oberen Fricktals gehabt.

Wie wenn das alles nicht schon starker Tobak wäre, setzten sie noch einen drauf: Der Wahlgang im Herbst werde kein Selbstläufer, sagten Sie: «Ich persönlich gehe davon aus, dass die Kandidatin der Grünen für die meisten Personen ausserhalb der SVP eher wählbar ist als eine Hardlinerin.» Kurzum: Kandidatin Bircher sei die falsche Wahl!

In der Partei krachte es danach. Und für uns Aussenstehende wurde wieder einmal deutlich: Politik ist kein seriöses Fach, Politikerinnen sind ebenso gut im Austeilen wie Politiker und beide, Herr wie Frau Politiker kommt offenbar die Eigenschaft zuteil, dass Brüllen, Zetern und Jammern offenbar vor Denken, Nachdenken und Reflektieren kommt. Als Fraktionschefin der SVP im Grossen Rat, glaubte ich, seien Sie etwas abgebrühter im Ping-Pong der Gefühle und sattelfester im politischen Diskurs, etwas gewiefter im Taktieren und Lavieren und geübter im Umgang mit heiklen Situationen.

So kam es, wie es kommen musste: Während ihre Parteigspänli sich am letzten Mittwoch im Fricktal am Fraktionsausflug verlustierten, nahm Sie der SVP-Präsident aus der Reisegruppe und faltete Sie gehörig zusammen, wie wir einem nachfolgenden Communique entnehmen, in dem es heisst: «Kantonalparteipräsident Andreas Glarner hat sich mit Désirée Stutz ausgesprochen und seinen Unmut über die von ihr gegenüber der Presse gemachten Aussagen geäussert.»

Das hätte uns eigentlich gereicht, liebe Desirée Stutz. Aber, so heisst es weiter in der Mitteilung, Sie, Frau Stutz bäten um Entschuldigung, wenn ihre Äusserungen den falschen Eindruck erweckt haben sollten, dass sie Martina Bircher kritisiert oder ihre Nomination in Frage gestellt hätten. Und wörtlich: «Frau Stutz steht vorbehaltlos hinter Martina Bircher als Kandidatin für den Regierungsrat.»

Liebe Frau Stutz, wo bleibt da Ihr Stehvermögen, Ihre Glaubwürdigkeit, Ihre Verlässlichkeit?

Stattdessen bestätigen Sie mit Ihrem Umfaller das wachsende Unverständnis breiter Kreise in unserer Zivilgesellschaft gegen die Politik und deren Repräsentanten. Durch ein Verhalten, wie Sie es als schlechte Verliererin an den Tag gelegt haben, befördern Sie die Entfremdung und Distanzierung breiter Kreise des Volkes von der politischen Debatte und ihren Vertretern, denen es zunehmend an Anstand, Charakter und Moral fehlt.

Dass Sie unter diesen Umständen weiterhin Fraktionschefin bleiben und im Herbst nochmals zu den Grossratswahlen antreten wollen:

Gopfridstutz, ist das redlich?

Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal, in Zürich und im Engadin. grenacher@azkolumne.ch


PS: Hören Sie unter der Rubrik "Podcast" auf dieser Webseite auch den kurzweiligen vierzehntäglichen Talk mit Gästen aus Fricktal und dem Hotzenwald.