GRENACHER
 

(Publiziert am 5. September 2026 in der alle zwei Wochen erscheinenden Print-Kolumne GRENACHER)

Lieber Sven Wassmer

Vor sieben Jahren habe ich Ihnen an dieser Stelle schon einmal geschrieben. Es ging um ein Erdbeerfeld in Stein, um die roten, zuckersüssen Wädenswiler Ihrer Grossmutter und um einen Satz, der geblieben ist: Herkunft wird Zukunft.

Jetzt schreibe ich wieder. Diesmal, weil Sie aufhören.

Ende Februar 2027 kochen Sie, hochdekorierter Fricktaler Chef, das letzte Mal im «Memories» in Bad Ragaz – nach acht Jahren, drei Sternen, achtzehn Punkten. Man könnte sagen, Sie seien halt ein eigenständiger, eigenwilliger und, ja, teurer Chef, den man nicht so einfach in ein Resort-Korsett der Thermalquelle zwängt. Das stimmt vermutlich. Aber es ist nicht der ganze Grund.

Der ganze Grund heisst Family first. Ihr jüngster Sohn ist Autist. Das hat, wie Sie sagen, das Leben verändert – «die Ambitionen aber nicht geschmälert, sondern geschärft». Ein schöner Satz. Und ein mutiger. Denn er dreht die übliche Erzählung um: Der Spitzenkoch tritt nicht kürzer, weil ihm die Kraft fehlt, sondern weil er genau weiss, wofür er sie einsetzen will.

Ich finde daran nichts zu bedauern und schon gar nichts zu kritisieren. Ein Vater ordnet die Dinge neu. Die Wassmer Family Group berät künftig, in der Schweiz und international. Der Herd bleibt, das Gehäuse ändert sich. Und die halbe Schweiz, die Ihretwegen nach Bad Ragaz gepilgert ist, wird Sie auch anderswo finden.

Nun kommt der Zufall – oder vielleicht ist es keiner. Am 12. September findet in der Stadthalle Laufenburg eine Fachtagung statt, wenige Kilometer vom einstigen Erdbeerfeld ihrer Grossmutter in Stein entfernt. Es geht um Neurodivergenz, um Autismus und ADHS, um Ernährung und Gesundheit bei Menschen, deren Alltag von Reizüberflutung, Erschöpfung und festen Routinen bestimmt wird. Organisiert hat sie Claudia Rittinghaus mit ihrem Team von Skogglade – einem nordgermanischen Begriff für Waldlichtung, dass man also vor lauter Bäumen im Wald endlich mal wieder einen klaren Blick hat.

Die Tagung findet also bei uns statt, ausgerechnet im Fricktal. In jener Landschaft, die Ihnen, lieber SvenWassmer, den Geschmack in die Zunge und ins Gehirn geschrieben hat, wird genau das verhandelt, was Ihre Familie heute umtreibt. Herkunft ist eben nicht nur Erdbeere, Parli-Kartoffel und Alpen-Dashi. Herkunft ist auch ein Ort, an dem man hinschaut. An dem man versteht, statt zu urteilen.

Vielleicht ist das die schönste Fügung an Ihrer Geschichte. Sie haben Ihr Restaurant «Memories» genannt, Erinnerungen. Jetzt schreiben Sie neue – nicht mehr am Pass in Bad Ragaz, sondern am Tisch daheim. Und die Region, die Sie geprägt hat, das Fricktal, hält den Raum bereit für die Fragen, die dazugehören.

Damals schrieb ich: Herkunft wird Zukunft. Heute drehe ich es um. Ihre Zukunft, lieber Sven Wassmer, ist zur Herkunft geworden – zu dem, wovon jetzt alles ausgeht. Family first.

Kein besserer Satz stand je auf einer Karte: Schnörkellos, ohne Beilage, und doch das Reichhaltigste, was Sie je aufgetischt haben.


Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich.